(Suhrkamp)
Es gibt Bücher, bei denen man nach zwanzig Seiten das Gefühl hat, man sollte lieber mal wieder die Fenster putzen. Und dann gibt es "FRAGEBOGEN" von Max Frisch – da will man eher die Fenster zumachen. Weil man plötzlich denkt: Vielleicht sieht mich ja jemand beim Nachdenken. Denn das macht man, sobald man sich auf diese seltsame kleine Sammlung an Fragen einlässt, die Frisch da in sein "TAGEBUCH 1966-1971" (später auch einzeln als Buch veröffentlicht) gestreut hat. Fragen wie: "Wen beneiden Sie?" Oder: "Wogegen sind Sie nicht versichert?" Es ist ein schmaler Band (rund 40 Seiten), aber wehe dem, der denkt, das heißt wenig Aufwand. Der Trick bei diesem Buch ist nämlich: Man muss es gar nicht lesen. Man muss es sich gefallen lassen. Und das ist schon eine Leistung. Denn Frisch stellt keine Fragen, um Antworten zu kriegen, er stellt Fragen, damit man merkt, dass man selbst nicht mal die richtigen Fragen kennt (Ihr versteht, was ich sagen will?). Insofern ist "FRAGEBOGEN" recht gnadenlos. Es gibt keine Kommentare, keine Erklärungen. Nur Listen. Fragen. Natürlich ist das Ganze kein Ratgeber, kein Selbsthilfebuch, kein kuscheliger Seelenwärmer. Eher eine Art literarischer Stresstest. Aber auf die gute Art. Die, bei der man sich danach besser kennt. Oder zumindest weniger sicher ist, ob man sich je wirklich gekannt hat, was ja fast das Gleiche ist. Wer also gern mal in den Spiegel schaut, aber ohne Licht, ohne Schminke und ohne die Ausrede "Ich war gestern lang unterwegs", wird mit "FRAGEBOGEN" seine helle Freude haben. Oder eben nicht, aber irgendwie geht es genau darum. (Haiko Herden)
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