Wir beginnen im Jahr 1857. Ein dänisches Eis-Forschungsschiff kämpft sich durch arktisches Eis, als es eine verletzte Gestalt aufnimmt, den Baron Victor Frankenstein. Der behauptet, Schöpfer einer unfassbaren Kreatur zu sein die dann auch prompt das Schiff angreift. Im weiteren Verlauf wird erzählt, wie Victor von privilegierter Herkunft und großer Ambition getrieben wird: Geburt eines jüngeren Bruders, frühes Trauma durch den Tod der Mutter bei der Geburt, später Ausschluss aus der medizinischen Fakultät nach einem riskanten, unethischen Experiment. Mit Finanzierung eines ominösen Waffenhändlers zieht er sich in eine verlassene Turmburg zurück und beginnt seine verhängnisvolle Arbeit: Leichenmontage, Wiedererweckung, bis zur Begegnung mit dem Lebendigen, das er geschaffen hat. Der Film zeigt darüber hinaus die Perspektive des geschaffenen Wesens, das verwundet, ratlos und gejagt ist...
Ich finde diesen Frankenstein-Film letztlich ziemlich gelungen. Nicht perfekt, aber doch mit einer Aura, die einem noch länger im Kopf bleibt, und das will bei einer Geschichte, die gefühlt seit 200 Jahren verfilmt wird, schon etwas heißen. Del Toro, einer meiner Lieblingsregisseure, zumindest Top 10, nimmt sich die Freiheit, die Vorlage von Mary Shelley nicht eins zu eins abzubilden, aber er bleibt in Kernmotiven recht treu und lässt darüber hinaus eigene Ideen wirken. Ausstattung, Kamera, Ton, das alles wirkt sehr hochwertig. 120 Millionen Dollar soll das Ganze gekostet haben. Die Schauplätze, von Toronto über die Royal Mile in Edinburgh bis zu historischen Herrenhäusern im UK, wurden tatsächlich real gedreht. Dadurch entsteht eine authentische, gotisch angehauchte Welt. Aber natürlich kommt auch viel aus dem Computer.
Im Buch von 1818 (Frankenstein; or, The Modern Prometheus) geht es ja in erster Linie um Wissenschaft, Besessenheit, Verantwortung, Einsamkeit und um das Monster, das nicht gleich als Monster gedacht war, sondern als Geschöpf mit Bewusstsein und Leidensfähigkeit. Del Toro übernimmt diese Grundmotive: Der Wissenschaftler, der Schöpfungsakt, die Konsequenzen, all das ist da. Gleichzeitig verschiebt er einiges: So rückt die Perspektive der Kreatur stärker in den Vordergrund als bei Shelley, wo Victor sehr viel dominanter ist. Der filmische Fokus auf das Leid des Wesens und auf die Fragen "Was bedeutet Menschsein?" oder "Wer ist hier das Monster?", das ist bei Shelley vorhanden, aber bei del Toro wird das fast zum zentralen Thema. Aber auch andere Details wurden geändert oder hinzugefügt.
Inhaltlich gefällt mir der Film vor allem deswegen, weil er eben nicht nur Horror sein will, obwohl er durchaus gruselige Momente hat, sondern er ist emotional, nachdenklich und visuell schön gemacht. Es gibt auch den sozialkritischen Ansatz, nämlich und natürlich der Außenseiter, der von der Gesellschaft zurückgewiesen wird. Als Kritikpunkt muss man mal wieder die Laufzeit anmerken, die mit über 2,5 Stunden ein bisschen zu episch ist. Vielleicht ist es auch hier und da ein bisschen too much, zu überladen (auf Deutsch). Aber egal. Schön anzusehen, und tolle Akteure wie Mia Goth, Christoph Waltz und Oscar Isaac tun ihr Übriges, um das Ganze sehenswert zu machen. (Haiko Herden)
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