Ein mysteriöser Mann, geschützt durch eine Gasmaske und einen schweren Anzug, wird in einem stählernen Käfig tief unter die Erde hinabgelassen. Dort beginnt seine Reise durch eine groteske, albtraumhafte Welt aus verrottenden Maschinen, deformierten Kreaturen und Ruinen einer untergegangenen Zivilisation. Er trägt einen Koffer bei sich, der Inhalt ist unbekannt, und folgt einer unverständlichen Mission durch eine apokalyptische Höllenlandschaft, in der alles lebt, aber nichts wirklich lebenswert ist. Worte fallen kaum (wenn, dann Kauderwelsch), stattdessen sprechen Geräusche, Bilder und der Rhythmus des Verfalls...
Wenn man "MAD GOD" beschreiben will, müsste man vermutlich irgendwo zwischen Albtraum, Kunstinstallation und Gotteslästerung anfangen. Phil Tippett, der Name ist für Filmnerds kein Geheimnis, hat hier ein Werk geschaffen, das sich allen üblichen Kategorien entzieht. Tippett ist kein Regisseur im klassischen Sinn, sondern ein Effektmagier, der das Kino gleich mehrfach revolutioniert hat: Er war verantwortlich für die Stop-Motion-Animationen in "DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK für die legendären AT-AT-Walker, und er brachte in "JURASSIC PARK" die Dinosaurier zum Leben, bis Steven Spielberg irgendwann es doch via Computer animierte. Tippett war also der Mann, der vom CGI verdrängt wurde, aber statt zu schmollen, verschwand er für fast drei Jahrzehnte in seinem Keller und bastelte an "MAD GOD". Ehrlich, so war es. "MAD DOG" ist fast komplett in Stop-Motion gedreht, mit unzähligen handgefertigten Puppen, Miniatursets und praktischen Effekten, die man heute kaum noch zu sehen bekommt. Es ist, als hätte jemand Hieronymus Bosch, David Cronenberg, David Lynch und Terry Gilliam in denselben Traum gesteckt und gesagt: Macht mal. Herausgekommen ist eine visuell überwältigende Odyssee in den Abgrund. Seine Welt ist ein gigantisches Uhrwerk aus Tod, Wiedergeburt, Dreck und industriellem Irrsinn. Überall dampft, blubbert, zersetzt sich etwas, und mittendrin wandelt die anonyme Hauptfigur, ziemlich verloren. Man kann sich dem nicht entziehen: Diese Mischung aus Ekel, Faszination und morbider Schönheit ist hypnotisch. Tippett hat über 30 Jahre an diesem Film gearbeitet, in Etappen, immer wieder unterbrochen, finanziert durch Crowdfunding, Freunde und vermutlich blanken Trotz. Das sieht man. Jede Szene wirkt, als wäre sie aus Schweiß und Wahnsinn gebaut worden, und hat gleichzeitig absoluten künstlerischen Anspruch. Auch akustisch ist Mad God ein Ausnahmefilm. Der Score von Dan Wool, mit Beiträgen von Mike Patton, verzichtet auf klassische Themen und setzt stattdessen auf industrielle Klangflächen, Drones und verstörende Geräuschcollagen. Weil der Film fast ohne Dialoge auskommt, übernimmt der Sound die erzählerische Führung, als pulsierender, manchmal beinahe körperlich spürbarer Ausdruck dieser zerfallenden Welt. Dass der Film bei Festivals wie Locarno und Fantasia gefeiert wurde, überrascht wenig. Er ist eigen, kompromisslos, geradezu trotzig altmodisch. Tippett beweist, dass echtes Kino nicht glattpoliert sein muss. Seine Welt ist schmutzig, klebrig, pulsierend und seltsam lebendig. (Haiko Herden)
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