(Rowohlt 2026)
Das Ehepaar Isolde und Betram aus Oldenburg reist für eine Woche nach Heidelberg, wo eigentlich der 80. Geburtstag von Isoldes Mutter gefeiert werden soll. Die Feier fällt allerdings aus, weil die alte Dame ins Krankenhaus muss, und plötzlich haben Isolde und Bertram etwas, das für eine eingeschlafene Ehe möglicherweise gefährlicher ist als jeder Streit: sehr viel Zeit miteinander. Das Boutiquehotel enttäuscht und gleich gegenüber liegt das Restaurantschiff "Karolina". Dort werden die beiden am ersten Abend noch freundlich empfangen. Also gehen sie am nächsten Abend wieder hin. Und am übernächsten. Obwohl Essen, Service und Stimmung jedes Mal schlechter werden. Irgendwann sitzen sie frierend in irgendeiner Raucherecke, werden zunehmend lieblos behandelt und kommen trotzdem wieder. Bertram ist noch keine sechzig, Verwaltungsangestellter, übergewichtig und frustriert. Er isst heimlich Süßigkeiten, schämt sich für seinen Körper und weiß ziemlich genau, was alles falsch läuft. Ändern möchte er daran möglichst wenig. Isolde wiederum kann ihn mit erstaunlicher Präzision verletzen, ist aber keineswegs einfach nur die böse Ehefrau. Beide haben sich über Jahrzehnte gegenseitig abgeschliffen. Es gibt keine große Affäre, keinen dramatischen Verrat. Die Ehe besteht weiter, weil niemand genügend Energie aufbringt, sie zu beenden. Warum sind diese Menschen noch zusammen? Vermutlich aus dem traurigsten aller Gründe: weil sie eben zusammen sind...
Das ist natürlich reinstes Heinz-Strunk-Thema. Ich mag ihn ohnehin sehr, um es vorsichtig zu formulieren, und "MEMORIES OF HEIDELBERG" liefert genau jene Mischung, die ich bei ihm liebe: unspektakuläre Menschen, die unter der Oberfläche bereits seit Jahren langsam auseinanderfallen. Strunk braucht keine großen Katastrophen. Er schaut einfach lange genug auf einen Verwaltungsangestellten, eine zu enge Jacke oder eine matschige Pizza, bis daraus etwas ausgesprochen Trauriges wird. Man lacht über Bertram, weil er sich wieder einmal vollkommen würdelos verhält, und im nächsten Moment tut er einem leid. Dann nervt er wieder, dann erkennt man plötzlich etwas von sich selbst in ihm. Seine Passivität ist dabei vielleicht das Realistischste an der ganzen Sache. Er weiß, was mit seinem Leben nicht stimmt, macht aber trotzdem weiter wie bisher. Das ist wesentlich glaubwürdiger als jene Romanfiguren, die nach einem bedeutungsvollen Gespräch kündigen, zehn Kilo abnehmen und nach Madeira ziehen. Heidelberg gilt ja als ach so romantisch. Strunk benutzt die Stadt natürlich genau andersherum. Je romantischer die Umgebung, desto deutlicher wird, wie wenig Romantik bei Bertram und Isolde noch übrig ist. Noch besser funktioniert das Restaurantschiff. Anfangs ist alles nett, dann wird es von Abend zu Abend mieser. Jeder vernünftige Mensch würde irgendwann einfach woanders essen gehen. Bertram und Isolde nicht. Sie haben sich nun einmal für dieses Schiff entschieden, also bleiben sie dabei. Damit wird die "Karolina" fast zwangsläufig zur Miniatur ihrer Ehe: Früher war es besser, inzwischen ist es ziemlich schlecht, niemand zwingt sie zu bleiben und sie bleiben trotzdem. Und man sollte nicht zu viel Papier in die Bordtoilette werfen. Der Roman ist dabei raffinierter gebaut, als er zunächst wirkt. Oberflächlich passiert eine Woche lang immer wieder etwas unangenehm Alltägliches. Ich muss gestehen, ich dachte anfangs: Ach Mann, Mr. Strunk könnte sich tatsächlich mal was Neues ausdenken, vom Stil her ist es immer dasselbe, die Geschichten sind auch etwas redundant, langsam wird es langweilig. Und doch wird man reingezogen in die traurige Ödnis. Das schafft er immer hervorragend, und so gefällt mir am Ende das Buch mal wieder ausgesprochen gut, auch wenn es nicht sein bestes ist. Ich würde mir aber wirklich gerne mal Verfilmungen aller seiner Werke wünschen, nicht nur die paar, die es bisher auf den Bildschirm geschafft haben. (Haiko Herden)
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