Vier Jahre sind vergangen, seit Finney Blake seinem Entführer, dem sogenannten Greifer, entkommen konnte und diesen schließlich tötete. Inzwischen ist Finney 17 Jahre alt, doch wirklich hinter sich gelassen hat er die Ereignisse nicht. Er ist verschlossener und aggressiver geworden, raucht regelmäßig Marihuana und versucht auf seine Weise, mit den Erinnerungen an die Gefangenschaft und die ermordeten Jungen zu leben. Seine jüngere Schwester Gwen hat unterdessen ganz andere Probleme, denn jene übersinnliche Begabung, die bereits beim Verschwinden ihres Bruders eine entscheidende Rolle spielte, wird zunehmend intensiver. Gwen wird von verstörenden Träumen heimgesucht, in denen sie drei Jungen sieht, die Jahrzehnte zuvor im winterlichen Ferienlager Alpine Lake verschwunden sind. Gleichzeitig klingelt in ihren Visionen wieder das schwarze Telefon, und schließlich glaubt sie sogar, Kontakt zu ihrer verstorbenen Mutter Hope aufzunehmen, die offenbar schon als Jugendliche ähnliche Fähigkeiten besaß. Die Hinweise führen Gwen zu dem abgelegenen Camp in den Bergen, das während eines schweren Schneesturms fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten wird. Gemeinsam mit Finney und Ernesto, dem Bruder des im ersten Film ermordeten Robin, reist Gwen nach Alpine Lake. Dort befinden sich neben dem Leiter Armando auch dessen Nichte Mustang sowie einige weitere Mitarbeiter. Während der Schneesturm immer heftiger wird, erkennt Gwen zunehmend Zusammenhänge zwischen den verschwundenen Jungen, ihrer eigenen Familie und dem Greifer. Denn offenbar hat dessen Tod nicht bedeutet, dass er tatsächlich verschwunden ist. Finney hat ihn zwar in der realen Welt besiegt, doch der Greifer hat inzwischen einen anderen Weg gefunden, um zurückzukehren...
Fortsetzungen zu Horrorfilmen haben ja ein Problem: Das, was im ersten Film funktioniert hat, soll noch einmal funktionieren, gleichzeitig darf es aber auf gar keinen Fall einfach nur noch einmal dasselbe sein. Also mehr Opfer, mehr Blut, mehr Mythologie, mehr Vergangenheit, mehr von allem. Das klassische "Schneller, härter, lauter". Irgendwann erfährt man dann meistens, dass der Serienmörder als Kind von seinem Großvater schlecht behandelt wurde, seine Maske aus einem ganz bestimmten Baum geschnitzt wurde und bereits seine Ururgroßmutter gelegentlich Menschen mit einer Gartenschere verfolgt hat. Und oft nervt das schon. Die Blumhouse-Produktion "BLACK PHONE 2" umgeht dieses Problem nicht vollständig, macht aber viel richtig. Scott Derrickson setzt nicht einfach noch einmal einen Jungen in einen Keller und lässt Ethan Hawke vor der Tür stehen. Das wäre wahrscheinlich der einfachere Weg gewesen, aber auch ziemlich langweilig. Stattdessen verändert er Schauplatz, Atmosphäre und teilweise sogar die Art des Horrors. Aus dem relativ geradlinigen Entführungs- und Serienkillerfilm des ersten Teils wird nun deutlich stärker ein übernatürlicher Horrorfilm. Kann man mögen, sollte man auch. Man fand eine halbwegs glaubwürdige Möglichkeit, die Figur zurückzubringen und gleichzeitig mit dem bereits im ersten Teil etablierten Übernatürlichen zu verbinden. Dadurch verändert sich der Greifer allerdings deutlich. Er ist nicht mehr nur jener merkwürdige Mann, dessen Motive nie vollständig erklärt wurden, sondern entwickelt sich stärker zu einer klassischen Horrorfigur, die selbst nach ihrem Tod Macht besitzt. Ein neuer Freddy Michael Vorhees? Am ehesten Freddy, wenn man die Geschichte bedenkt, denn es geht auch um Träume.
Optisch weiß der Film zu gefallen. Besonders das verschneite Alpine Lake Camp ist ein sehr guter Schauplatz. Und die Träume sind hübsch in Szene gesetzt. Und vor allem rückt Gwen deutlich stärker ins Zentrum, und das war eine gute Entscheidung. Madeleine McGraw war bereits im ersten Film eine der auffälligsten Darstellerinnen, obwohl die eigentliche Handlung um Finney kreiste. Hier bekommt sie nun wesentlich mehr Raum und nutzt ihn sehr gut. Gwen ist älter geworden, aber nicht plötzlich zu einer vollkommen anderen Figur. Sie ist weiterhin direkt, stur und ziemlich wenig daran interessiert, ob Erwachsene ihre Erklärungen für vernünftig halten. Und sie spielt wirklich toll und wurde dafür inzwischen unter anderem für einen Saturn Award als beste Nachwuchsdarstellerin sowie bei den Astra Film Awards nominiert. Der Film selbst erhielt außerdem eine Saturn-Nominierung als beste filmische Adaption. Positiv finde ich auch, dass der Film nicht versucht, einfach noch brutaler zu werden. Natürlich gibt es einige harte Momente, doch die Wirkung entsteht überwiegend aus Atmosphäre, Visionen und Bedrohung. Die Musik von Atticus Derrickson ist gelungen, zudem hört man noch Pink Floyd und Fex, die man wohl hauptsächlich deshalb kennt, weil man sie ewige Zeiten nicht kannte - Stichwort: Most mysterious song of the Internet (einfach Googlen). Für mich ist „BLACK PHONE 2“ deshalb eine der besseren Horrorfortsetzungen der letzten Zeit. Nicht weil alles funktioniert und schon gar nicht, weil man unbedingt eine Fortsetzung gebraucht hätte. Der erste Film hätte problemlos für sich stehen können. Aber wenn man ihn schon fortsetzt, ist dies eine recht sinnvolle Variante. (Haiko Herden)
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