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Tenebre

(Italien 1982)

Originaltitel: Tenebrae
Alternativtitel:
Regie:
Dario Argento
Darsteller/Sprecher: Anthony Franciosa, John Saxon ,
Genre: - Thriller - Horror/Splatter/Mystery


Der amerikanische Krimiautor Peter Neal reist nach Rom, um seinen neuen Bestseller "Tenebre" zu bewerben. Das Timing ist ungünstig, denn kurz nach seiner Ankunft wird eine junge Frau ermordet, und der Täter benutzt Neals Roman offenbar als eine Art Gebrauchsanweisung. Neben der Leiche tauchen Seiten aus dem Buch auf, und Peter Neal steht plötzlich mitten in einer Mordserie, die ihm unangenehm nahekommt. Unterstützt wird er von seiner Assistentin Anne, seinem Literaturagenten Bullmer und dem jungen Gianni, während Captain Germani und Detective Altieri von der Polizei ermitteln. Dazu kommen Neals Ex-Verlobte Jane McKerrow, die recht unentspannt auf Peters Anwesenheit reagiert, die Journalistin Tilde Banti, die Ladenangestellte Elsa Manni und der Fernsehmoderator Christiano Berti, der an Neals Werk ein etwas zu großes Interesse zeigt...

Argento verteilt seine Figuren in einem sehr hell ausgeleuchteten Albtraum, und je mehr Peter versucht, den Täter zu verstehen, desto deutlicher wird, dass hier nicht nur ein Irrer mordet, sondern jemand ein ziemlich krankes Spiel mit Literatur, Begehren, Schuld und öffentlicher Sensationslust treibt. Das Schöne an "TENEBRE" ist, dass Dario Argento, einer meiner Lieblingsregisseure, hier nach den barocken, beinahe märchenhaften Alptraumwelten von "SUSPIRIA" und "FEUERTANZ – HORROR INFERNAL" wieder zum Giallo zurückkehrt, mit dem er sich durch Filme wie "DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE" und "ROSSO - DIE FARBE DES TODES" seinen Ruf erarbeitet hatte. Nur wirkt "TENEBRE" nicht wie ein Rückschritt, sondern wie eine kalte, moderne, fast schon sterile Neuausrichtung.

Der Film handelt von einem Autor, dessen Werk als Anstiftung zur Gewalt gelesen wird. Das kann man als Thrillerplot nehmen, oder als ironischen Spiegel eines Regisseurs, dem schon damals gern vorgeworfen wurde, seine Morde seien zu schön inszeniert, zu genau choreografiert, einfach zu lustvoll. Argento antwortet darauf offenbar mit einem Film, der aussieht wie ein Albtraum in einer desinfizierten, weißen Designerwohnung. Das ist fast so, als würde man jemandem vorwerfen, zu laut Schlagzeug zu spielen, und derjenige kauft sich daraufhin ein zweites Schlagzeug.

Interessant ist auch, wie hell dieser Film ist. Viele Horrorfilme versuchen durch Dunkelheit Angst zu erzeugen, "TENEBRE" stellt sie ins Tageslicht, gerne in klinisch wirkende Räume, moderne Architektur, weiße Wände, glatte Flächen. Auch Rom sieht eher unnatürlich entvölkert aus. Diese fast menschenleere, recht unwirkliche Umgebung macht viel vom Reiz des Films aus. "TENEBRE" ist kein gemütlicher Krimi, bei dem man Tee trinkt und miträtselt, während man die Katze streichelt.

Ikonisch ist natürlich die berühmte Kamerafahrt um und über das Haus von Tilde Banti. Argento lässt die Kamera nicht einfach beobachten, sondern schweben, kriechen, lauschen. Sie gleitet an Wänden entlang, über das Dach, wieder hinunter. Diese Szene ist völlig übertrieben, dramaturgisch betrachtet wahrscheinlich unnötig, aber genau darum ist sie so großartig. Niemand braucht sie in dieser Länge. Und gerade deshalb funktioniert es so. Mindestens ebenso berühmt ist die Szene mit dem Hund. Lara Wendel, bekannt aus "DAS PARFÜM DER DAME IN SCHWARZ", wird als Maria Alboretto von einem überraschend ausdauernden Hund verfolgt. Die Sequenz ist absurd, spannend und leicht komisch, also genau die Mischung, die bei Argento oft am besten funktioniert. Man weiß nicht, ob man lachen, sich ducken oder dem Hund Wasser hinstellen soll. Dann gibt es die Axtszene mit Jane McKerrow, gespielt von Veronica Lario. Diese Szene ist wegen ihrer bildlichen Wirkung in die Genre-Erinnerung eingewandert: weiße Fläche, rotes Blut, es strahlt einfach. Tod und Innenarchitektur gehen bei Dario Argento oft Hand in Hand.

Dass "TENEBRE" lange Ärger mit der deutschen Zensur hatte, überrascht natürlich kaum. Die deutsche VPS-Video-Fassung wurde laut OFDb am 31. Dezember 1985 indiziert, 1987 durch das LG München I nach § 131 StGB beschlagnahmt und später folgeindiziert. Die Listenstreichung erfolgte 2022, wobei OFDb vermerkt, dass wegen fehlender Akten keine formelle Aufhebung der alten Beschlagnahme stattfand und diese damit nicht mehr gültig sei. Die damalige Reaktion passt allerdings auch in die Zeit. Anfang der 80er war Gewalt im Heimkino ein politisches und kulturelles Reizthema. Videokassetten machten Filme plötzlich verfügbar. "TENEBRE" traf genau diesen Nerv, weil der Film Gewalt nicht nur zeigt, sondern sie mit Schönheit, Rhythmus und Design verbindet.

Im Vergleich zu "DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE" wirkt "TENEBRE" reifer, aber auch kälter. Argentos Debüt hatte noch diesen jazzigen 70er-Jahre-Ermittlungsdrall, bei dem ein Außenstehender zufällig in ein Mordkomplott stolpert und sich dann immer tiefer hineinwühlt. "TENEBRE" nimmt diese Struktur wieder auf, aber ersetzt die düstere Atmosphäre durch eine fast antiseptische.

Offiziell werden Massimo Morante, Fabio Pignatelli und Claudio Simonetti als Komponisten geführt, also drei Namen, die man sofort mit Goblin und Argentos Klangwelt verbindet. Der Score ist weniger okkult und märchenhaft als "SUSPIRIA", dafür treibender, synthetischer, beinahe tanzbar. Die Musik macht aus "TENEBRE" keinen klassischen Krimi, sondern einen Albtraum, sie ist kalt, rhythmisch, wiedererkennbar und viel moderner als das, was man Anfang der 80er in vielen Thrillern hörte.

Argento war nie der Regisseur für Figurenpsychologie nach dem Filmlehrbuch. Wer bei "TENEBRE" realistische Polizeiarbeit sucht, wird vermutlich irgendwann genervt aufgeben. Die Ermittlungen sind zwar halbwegs funktional, aber sie dienen vor allem dazu, in die nächste ikonische Szenen überzuleiten. Manche Dialoge sind seltsam steif, einige Figuren verhalten sich bekloppt, und die Logik war offenbar oft zur Mittagspause. Aber das gehört hier recht eindeutig zur Faszination. Argentos Filme funktionierten eher wie ein böser Traum.

Aus heutiger Sicht funktioniert "TENEBRE" immer noch. Natürlich sieht man ihm seine Zeit an, in Frisuren, Mode, Synchronisation und gelegentlich auch in der Art, wie Frauenfiguren aus- und dargestellt werden. Das darf man ruhig anmerken. Argentos Blick ist oft problematisch, obsessiv und voyeuristisch. Aber der Film weiß auch recht genau, dass Voyeurismus sein Thema ist. Er ist nicht unschuldig. Er schaut, wie ein Täter schaut, wie ein Leser schaut, wie ein Regisseur schaut, wie ein Publikum schaut. Und gerade darin liegt letztlich seine unangenehme, unbequeme Schlauheit.

Letztendlich ist "TENEBRE" einer der besten Filme Dario Argentos und einer der großen späten Gialli überhaupt. "TENEBRE" ist nicht nur ein Kultfilm, weil er verboten war, weil er blutig ist oder weil seine Fans seit Jahrzehnten enthusiastisch von Kamerafahrten sprechen oder es einfach gut finden, weil man Argento eben gut finden muss. Er ist ein Kultfilm, weil er ein echtes ästhetisches Konzept hat. Weiß statt Schwarz. Licht statt Schatten. Moderne statt Gotik. Argento nimmt den Giallo und versetzt ihn in eine Gegenwart, die wie eine kalte Zukunft aussieht. "TENEBRE" ist so schön europäisch, gar italienisch, und kunstvoll und gemein. (Haiko Herden)

Der erfolgreiche amerikanische Schriftsteller Peter Neal reist nach Rom, um dort sein aktuelles Buch “Tenebre” zu promoten. Dort treibt ein Mörder sein Unwesen, der seinem ersten Opfer Buchseiten aus dem Roman in den Mund stopft, wodurch Neal zunächst selber in Verdacht gerät. Weitere bestialische Morde geschehen im Umfeld des Autors...

Vielmehr muß man zu der Story von „TENEBRE“ nicht schreiben, denn es handelt sich diesbezüglich um einen normalen Giallo, der wenige wirkliche Überraschungen bietet. Was den Film aus der Masse hervorhebt, und auch innerhalb der Filmographie von Argento selber, sind die heftige Brutalität und die blutigen Morde, was dem Film in Deutschland auch schnell ein Verbot beschert hat. Stilistisch hebt sich „TENEBRE“ ebenfalls von anderen Argento-Filmen ab. Nie zuvor hat er eine Story so gradlinig inszeniert, es ist der, zumindest bis zu „TRAUMA“, amerikanischste Film des Regisseurs. Mit John Saxon konnte ein echter Star als Darsteller gewonnen werden, darüber hinaus ist natürlich wieder Daria Nicolodi dabei und in der Hauptrolle der überzeugende Anthony Franciosa. Stilistisch könnte man das Werk als Mischung aus „PROFONDO ROSSO“, „TRAUMA“ und „LA SINDROME DI STENDHAL“ beschreiben.

Die amerikanische DVD von Sazuma Productions verfügt über gute Bild- und Tonqualität und obwohl mein DVD-Player angeblich keine NTSC Scheiben abspielen kann, läuft der Film völlig problemlos, zudem scheint sie Codefree zu sein, auch wenn das nicht auf der Hülle vermerkt ist. Als Ton werden Englisch und Deutsch angegeben, wobei zumindest bei mir aber nur die englische Einstellung möglich ist, dazu gibt es diverse Untertitel, Bio- und Filmographien, ein Interview mit Dario Argento und einige nicht verwendete Szenen. Da dieser Film so schnell in Deutschland nicht erscheinen wird, sollte man ruhig nach dieser Fassung Ausschau halten. (A.P.)



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