Nancy Osborne ist 19, schwanger und hat einen gewissen Mangel an Begeisterung für ihr Leben. Nach einer eskalierten Diskussion mit dem Koch übernimmt sie eigenmächtig die Nachtschicht im heruntergekommenen Diner ihres Vaters irgendwo in der amerikanischen Provinz. Die Atmosphäre ist angespannt, das Diner leer, der Kaffee lauwarm, und plötzlich tauchen maskierte Gestalten auf, die nicht nur ungebetene Gäste sind, sondern auch deutlich mehr mit Nancy zu tun haben, als es anfangs scheint. Die Sache nimmt schnell Fahrt auf: Es gibt Tote, Verfolgungsjagden durch die Kühlkammer, und der Sheriff hilft auch nicht so richtig weiter, weil er bald selbst tot ist. Doch Nancy ist zäher, als sie aussieht...
"LAST STRAW" ist das Regiedebüt von Alan Scott Neal, der bislang eher auf der Bühne als Theaterautor und -regisseur unterwegs war. Und man merkt dem Film seine Herkunft aus der dialoglastigen Kammerspiel-Ecke durchaus an, im positiven Sinne. Der Plot ist zwar schlank, aber die Umsetzung sitzt. Das eingeschränkte Setting, ein altmodisches Diner irgendwo zwischen David Lynch und Backwood, wird nicht als Notlösung behandelt, sondern als Bühne. Die Kamera von Andrey Nikolaev schleicht förmlich durch die engen Gänge, spielt mit Spiegelungen, Neonlichtern und Schatten. Alles fühlt sich unangenehm nah an, was zu einem Teil des Charmes wird. Die musikalische Untermalung von Alan Palomo hat diesen elektronischen Retro-Schweißfilm-Vibe, den man sonst nur aus Synthwave-Träumen kennt. Ein bisschen Carpenter irgendiwe, aber der Plot ja auch ein bisschen was von Carpenters "DAS ENDE". Jessica Belkin als Nancy liefert eine angenehm kratzbürstige Performance. Keine schreiende Scream-Queen, und genau das macht sie glaubwürdig. Man nimmt ihr die Überforderung, aber auch den zähen Trotz ab, kein Wunder, wenn man den ganzen Film quasi allein durchschleppt. Was man "LAST STRAW" nicht vorwerfen kann: dass er zu gemütlich wäre. Nach einem recht ruhigen Start zieht der Film ordentlich an und hält das Tempo. Die Gewalt ist präsent, aber nie zum Selbstzweck verkommen. Der psychologische Druck, das Misstrauen, die Masken (im wörtlichen wie übertragenen Sinn), das alles wird recht effektiv miteinander verwoben. Auch wenn der Twist am Ende für geübte Augen früh absehbar ist, funktioniert der Aufbau dorthin gut. Vergleichbar vielleicht mit Filmen wie "THE STRANGERS" oder dem unterschätzten "ALONE" (2020). "LAST STRAW" ist ein schnörkelloser, atmosphärisch dichter Genrebeitrag, der mit einfachsten Mitteln viel Spannung erzeugt, und das Diner als Ort für Albträume wieder voll etabliert. Wer auf klaustrophobische Psychospiele mit blutiger Note steht, macht hier recht wenig falsch. (Haiko Herden)
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